Warum ich lieber analog fotografiere

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Heute will ich nur mal ein paar Gedanken zur analogen Fotografie loswerden und wieso ich diese oft bevorzuge. Als ich diesen Artikel anfing zu schreiben war es übrigens 4 Uhr morgens. Weil ich nicht schlafen konnte. Kennt ihr das? Wenn etwas im Kopf herumschwirrt und ihr es unbedingt jemandem erzählen wollt?

– Achtung: keine Fotos, nur Text 😉

In den letzten 3 Monaten habe ich etwa zwei Drittel meiner fotografischen Freizeit analog verbracht. In Zahlen ausgedrückt sind das knapp 10 Rollen Film gewesen. Die restlichen 1/3 sind lediglich digital entstanden, weil ich da auf den mittlerweile monatlich stattfindenden Frankfurter Streetfotografie Fotowalks der hiesigen Streetphotography FFM Facebook Gruppe mitgelaufen bin. Die Streetfotografie ist aus meiner Sicht, gerade wenn man damit angefangen hat, etwas einfacher in der Umsetzung, wenn man digital fotografiert. Analog funktioniert das auch sehr gut. Zwar mit Einschränkungen, aber natürlich ist es möglich. Doch dieses Thema ist wohl mal einen  eigenen Blogartikel wert. Ach ja, und die knappen 3000 Fotos, die ich auf den Frankfurter Fussballplätzen verschossen habe (ungelogen, ich bin fast jedes Wochenende auf dem grünen Rasen mit den weißen Streifen), zähle ich mal hier nicht mit dazu. Sportfotografie ist zwar definitiv auch ein eigenes Genre, aber bei mir geht’s ja im Grunde darum, meinem jüngsten Sohn beim Fussballspielen zuzuschauen und das mache ich eben am liebsten mit meiner digitalen Nikon, weil es damit einfach einfacher ist 🙂

Zurück zum Thema der analogen Fotografie. Die Frage, welche Unterschiede es zwischen der analogen und der digitalen Fotografie gibt wird häufig diskutiert. Leider wird hier meistens viel zu sachlich und technisch argumentiert. Man hört oft die folgenden Punkte oder Sätze wie, es geht um die höhere Auflösung, die Möglichkeit der Weiterverarbeitung, die Farben sind authentischer, das Rauschen vs. Korn, die Kosten, blablabla, et ce­te­ra pp. Diese langweilen mich nur. Und ich möchte auch nichts zu dem wirklich leidigen Thema, welche Art der Fotografie denn nun “besser” sei sagen. Weil die Frage nämlich schon falsch gestellt ist. Sie impliziert eine Vergleichsmöglichkeit. Aber ich persönlich glaube nicht, dass man überhaupt vergleichen muss.

Fangen wir mit dem wichtigsten Attribut der analogen Fotografie an: Beständigkeit! Was bedeutet das eigentlich? Laut Duden.de gibt es die folgenden Synonyme zu dem Wort Beständigkeit:

Ausdauer, Bestand, Dauer, Dauerhaftigkeit, Festigkeit, Fortbestand, Fortdauer, Haltbarkeit, Stabilität, Stetigkeit, Treue, Unerschütterlichkeit, Widerstandsfähigkeit

Heutzutage ist das Frage der Beständigkeit, sowie auch der Verbindlichkeit leider oft gar kein Thema mehr. Dieser Zeitgeist, alles schnell machen zu müssen, unverbindlich zu sein, sich Optionen offen zu lassen, weil man sich nicht festlegen will, ist einfach furchtbar. Vielleicht bin ich mittlerweile zu altmodisch, vielleicht sogar auch tatsächlich schon zu alt für diese Denke. Aber ich verstehe beim besten Willen nicht, wieso man nicht sehr gerne beständig und verbindlich sein möchte.

Der Zug, der einen überfährt…
Es gibt da zahlreiche Beispiele. Nehmen wir als erstes Facebook. Wie oft hattet ihr schon mal eine Freundschaftsanfrage die euch geschickt wurde, ohne auch nur eine einzige Nachricht der Person vorher gesehen zu haben. Ich meine, wir sind doch alles nur beziehungsorientierte Menschen, auch hinter unseren Facebook Profilen. Und ist es euch auch schon mal passiert, dass ihr dann mal nicht schnell genug reagiert habt? Nur weil man nicht innerhalb einer kurzen Zeit diese Anfrage bestätigt hat, verschwand diese dann auch plötzlich wieder. Ich konnte nicht schnell genug schauen und schon war’s auch wieder vorbei. Das war dann der sprichwörtliche Zug, der einen überfahren hat. Es muss ja keine sofortige persönliche Beziehung aufgebaut werden. Ein einfacher Kontakt, ein simples Hallo wäre aber schön gewesen. Oder war es doch nur ein Versehen? In den Eifon Mitteilungen eine Nachricht finden, dass dir jemand eine Freundschaftsanfrage geschickt hat und dann auf Facebook feststellen, dass diese gar nicht mehr existiert. Mich verwirrt so etwas. Falls es ein Versehen war, möchte man ja auch niemandem auf die Nerven gehen und doof fragen….”Hej, wolltest du mich etwa wirklich auf Facebook als Freund hinzufügen oder bist du da nur zufällig auf diesen Button gekommen?!” Das würde sich echt bescheuert anhören…

Geduld du haben musst!
Oder wann habt ihr das letzte Mal ein Album eines Musikers oder einer Band am Stück komplett zu Ende gehört, ohne auch nur ein einziges Mal zwischen den Liedern zu wechseln, vor- oder zurückzuspulen. Also ich meine wirklich konzentriert hingehört, ohne nebenbei noch etwas am Rechner zu machen oder zu essen. In Zeiten von Spotify & Co. erwische ich auch mich mal dabei, schnell durch eine Playlist zu rennen und nicht selten fällt mir das erst später auf. Einfach weil ich nebenbei noch was anderes mache. Das ist purer Stress und die Musik kommt dabei viel zu kurz.

Sie haben Post!
Oder dieser andere Klassiker, wenn man eine Email erhält und eine Stunde später per SMS oder WhatsApp die Nachfrage nach der Email, bzw. der erwarteten Beantwortung hinterher geschmissen wird. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht und offensichtlich eine Kritik an die eigenen gesetzten Prioritäten. In meinen Augen ist und darf Email Geduld haben. Dafür ist es ja eine Email und kein Telefonanruf, wo man zwangsläufig sofort reagieren muss. Aber da teilen sich offensichtlich die Meinungen.

Snapchat
Oder dieses Snapchat! Mein Güte! Wer hat sich das denn nur ausgedacht?! Wer Snapchat nicht kennt, dürfte vermutlich in meiner Altersklasse sein 😉 Snapchat ist: ein kostenloser Instant-Messaging-Dienst zur Nutzung auf Smartphones und Tablets. Der Dienst ermöglicht es, Fotos an Freunde zu versenden, die nur eine bestimmte Anzahl an Sekunden sichtbar sind und sich dann selbst „zerstören“. (Quelle: Wikipedia) Die Beständigkeit der eigenen Mitteilung wird quasi sprichwörtlich und automatisch ausgelöscht. Verrückt, oder?!

Ausschlussklausel
Es steht glaube ich außer Frage, dass solche Dienste, gerade weil sie aktueller sind denn je allgemein zu Marketingzwecken, aber auch für Fotografen zur Eigenvermarktung geradezu ideal sind. Das will ich auch gar nicht bestreiten. Man kann alles sinnvoll einsetzen. Und ich meine mit den o.a. Beschreibungen nicht, dass Fotografen mit digitalen Kameras zwangsläufig unbeständig oder gar unverbindlich handeln. Es geht mir lediglich nur um diese Schnelllebigkeit, die wir heute so stark erleben können und dass sich dieser Umstand negativ auf unser eigenes Fotografieren auswirken kann. Es muss nicht so sein. Ich fotografiere ja schließlich auch digital, ich benutze ja auch die Serienbild Fuktion, ich habe ja auch einen Spotify Account und ich bin auch auf Facebook unterwegs. Nur das mit Snapchat werde ich vermutlich nie machen 😉

Gut Ivan, was hat das alles eigentlich mit der analogen Fotografie zu tun?
Im Prinzip gar nichts. Und irgendwie doch schon ein wenig. All diese oben beschriebenen Situationen beherbergen das Risiko unbeständig sein zu können und damit zu wollen. Und das _kann_ sich bis ins kleinste Detail unseres Lebens und eben in unserer Art des Fotografierens durchzeichnen. Unser Vrhalten und unsere Art und Weise, wie wir das Leben sehen, spiegelt sich doch auch zwangsläufig in unserer Fotografie wieder. Und das gilt eben auch für diese schwammige Unbeständigkeit. Es könnte dann plötzlich keine Rolle mehr spielen, welche Entscheidungen man vorher getroffen hat. Man kann diese ja schnell genug revidieren, löschen, korrigieren und erneuern. Je nachdem wie es gerade am besten passt. Ich sage bewusst “kann”. Es muss nicht so sein. Und ja, grundsätzlich ist es auch nicht negativ, in den Entscheidungen auch flexibel zu sein. Ich glaube nur die Schnelllebigkeit und Beständigkeit in den einzelnen Dingen sind entscheidend. Wie authentisch bist du darin?

Und die analoge Fotografie?
Es liegt in der Natur der analogen Fotografie, dass man für ein Bild nur diesen einen Moment zum Fotografieren hat. Keine zweite Chance! Ein Drücken auf den Auslöser belichtet das Negativ und dieses kann man weder korrigieren, noch in der Kamera löschen oder vielleicht intern bearbeiten. Man muss sich daher vor dem Abdrücken bereits entschieden haben. Der Moment ist verbindlich geworden und bleibt ewig auf diesem Negativ drauf.  Ewig ist in diesem Fall übrigens nur eine Metapher, die für einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren stehen könnte 😉  Analoge Negative halten bei ordnungsgemäßer Archivierung wirklich saulang.

Warum ich lieber analog fotografiere
Das ist auch der Grund, wieso ich tatsächlich die analoge Fotografie bevorzuge. Sie ist wesentlich persönlicher als ihre digitale Schwester. Sie ist meiner Meinung nach auch viel beziehungsorienter. Denn der Bezug zu dem Ort oder der Person, den, bzw. die ich analog fotografiere ist – meiner Meinung nach – wesentlich stärker und verbindlicher, als in der digitalen Welt. Irgendwie ist die Kommunikation dann viel intensiver. Mir geht es jedenfalls so.

Ich hab neulich in einem Artikel eine Aussage von Wim Wenders gelesen, die ich in diesem Zusammenhang sehr treffend fand. Er meinte, dass die digitale Fotografie nicht etwa die Fortsetzung der analogen mit anderen Mitteln sei, sie wäre viel mehr ein Bruch. Die analoge Fotografie habe eine direkte Verbindung zur Wirklichkeit, wohingegen die digitale Fotografie die Wirklichkeit manipuliert.

Das fand ich sehr interessant und ich denke, das ein Großteil seiner Aussagen tatsächlich zutrifft. Ob nun ein Bild auf einem analogen Schwarzweiss Film nicht auch die Realität manipuliert, nämlich die Farben herausnimmt, steht auf einem anderen Blatt. Generell ist die Fotografie eine Art der Manipulation und allgemein gesprochen gibt sie nie wirklich die Realität wieder. Aber ich glaube auch, dass die analoge Fotografie eine direktere Verbindung zur Wirklichkeit (des Fotografen) herstellt und damit in meinen Augen definitiv lebendiger und für mich auch wünschenswerter ist.

das Ende und meine Empfehung
Falls ihr es bis hierher geschafft habt, gibt es vermutlich einen guten Grund für euch einfach mal mit der analogen Fotografie anzufangen. Der Aufwand ist nicht wirklich groß. Man braucht nur eine Kamera, ein Objektiv und einen Film. So ein “Starterkit” kann man zusammen schon für kleines Geld bei Ebay oder auf einem Flohmarkt finden. Es mag sich am Anfang evtl. holprig anfühlen. Aber ich bin davon überzeugt, dass die Fotografie im eigentlichen Sinne dadurch zum Leben erweckt wird. Probiert es ruhig aus. Es lohnt sich! Und falls ihr Fragen habt, schreibt mich über das Kontakformular einfach an. Falls ich helfen kann, mache ich das gerne.

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7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hi Ivan,
    Ein wunderschönes Statement für die analoge Fotografie, für die Wirklichkeit, für die Intensivität des Lebens vs. dem Schnellen, Allen und Gleichzeitigem….

    Dafür sind dir etwas älter und können, wollen und sollen uns auch wieder öfter auf das Wesentliche Konzentrieren…

    Viele Grüße Jürgen

  2. Hi Ivan, nä, watt hasse datt schön geschrieben! 🙂 Toller Artikel, den ich gerade im Bett gelesen habe, Sonntags um 7 Uhr, der Mann neben mir schläft noch selig. Ich verstehe bloß nicht, warum analoge Streetfotografie komplizierter sein soll als digitale, was meinst du denn damit? Klär mich mal auf, bitte. Gestern habe ich mich sehr geärgert, weil mitten im Film die Batterie meiner Kamera leer war und ich natürlich keine Ersatzbatterie dabei hatte, argh. Dafür werde ich mein Petzval dann eben heute nochmals ausführen, ich möchte ein paar Porträts auf einem Designmarkt schießen. Drück mir die Daumen, dass das gut wird. Einen schönen Sonntag wünsche ich auch dir, liebe Grüße aus Bochum, Dani

    • Hej Dani, Danke sehr für die Blumen 🙂 Analoge Streetfotografie ist nicht komplizierter, sie ist nur etwas zeitaufwendiger. Gerade bei der Streetfotografie hat man einen Riesen Ausschuss. Und es liegt in der Natur der Sache, dass die analoge Ausbeute oft geringer ausfällt. Ansonsten funktioniert das auch analog sehr gut. Das ist alles, was ich meinte. Zu deinem Petzval, ein klein wenig beneide ich dich ja darum 🙂 Meinst du mit dem Designmarkt den Historischen Jahrmarkt in Bochum oder werden das wieder andere Bilder? Mir gefällt ja besonders das allererste Foto von deinem aktuellen Artikel. Die Farben sind echt toll. Ich wünsch dir eine angenehme Woche noch. LG; Ivan

  3. Danke für das schöne Statement, warum Du analog fotographierst.
    Das geht mir ganz ähnlich – ich muss aber auch gestehen, dass mir Bilder, die auf Film aufgenommen wurden, meistens besser gefallen als digitale Bilder. Wahrscheinlich ist es das Persönliche, den (auch physischen) Bezug zum Aufgenommen.
    Irgendwo (war es nicht sogar bei Dir?) habe ich den Vergleich zwischen ebook und “richtigem” Buch gelesen – das ist so ähnlich in der Fotographie. Beim EBook sind die Wörter und alles ja auch die gleichen, aber doch empfinde ich beim Lesen anders.
    Wobei es dort um die Rezeption geht. Der Vergleich zwischen Diktiergerät und Computer (oder gar Sekretärin) und einer alten Schreibmaschine ist wahrscheinlich passender.

    • Ja, der Vergleich mit der Schreibmaschine trifft es ganz gut. Ich hab in der Schule damals übrigens noch 10-Finger Schreiben auf einer Schreibmaschine gelernt. Aber damit hab ich’s auch nie wirklich gelernt 🙂 Das Schöne an der analogen Fotografie ist ja das Persönliche und oft sehr emotionale. Ich weiß echt nicht woran das liegt, aber hast du jemals irgendjemanden so emotional und persönlich über die digitale Fotografie sprechen gehört? Ich jedenfalls noch nie.

  4. Hallo Ivan,
    den Artikel muss man erstmal auf sich wirken lassen. 🙂 So gesehen habe ich spät mit der Fotografie angefangen, vor drei Jahren. Aber finde den Betrachtungswinkel von Dir sehr passend gewählt. Andreas Jörns hat mich in den letzten Wochen stark geprägt und meinen Focus noch mal anders gelegt. Die analoge Fotografie finde ich auch sehr spannend. Fürs erste konzentriere ich mich auf das was ich kann, ohne mich zu sehr von äußeren Faktoren ablenken zu lassen, sprich von der Masse an Fotografen die auf dem Markt vertreten sind. Meiner Meinung nach ist das Wichtigste, Spaß an dem zu haben was man tut und seinen eigenen Stil zu finden.
    Viele Grüße
    André

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