ein offener Brief an die Leica M6

Für alle emotionalen “Techies” da draussen. Kennt ihr dieses Leica Phänomen? “Man braucht keine Leica, man will unbedingt eine Leica haben!” In meinem Fall geht es um die Leica M6 und um die Leiden des jungen Ivans meine zerplatzten Träume mit ihr.

– Achtung: keine Fotos, nur Text 😉 

Liebe Leica M6,

ich vermisse dich! Obwohl ich dich gar nicht kenne, fehlst du mir. Ja, ich durfte mal eine kurze Zeit meines Lebens in deiner Nähe sein und dich kennen lernen. Aber wann kennt man schon jemanden wirklich?! Ich habe lange von dir geträumt, obwohl du nie wirklich in meiner Nähe gewesen bist. Jedenfalls nicht lange genug. Ich weiß genau wie du aussiehst, ich kann mir sogar sehr gut vorstellen wie du dich anfühlst. Und wenn meine Erinnerungen mir keinen Streich spielen, glaube ich auch zu wissen wann du geboren wurdest.

Du bist mir so fern und doch bewundere ich dich sogar ein klein wenig. Denn obwohl du so unscheinbar, ja sogar fast unsichtbar bist, hinterlässt du einen bleibenden Eindruck. Du bist keine Diva, aber auch kein Bauerntölpel. Du hast die Eleganz und Schönheit einer jungen Prinzessin und die Reife und Weisheit einer wahren Königin. Die einen sagen, du bist ihr Sonnenschein und die anderen lassen dich wie einen guten Freund nie wieder aus den Händen. Zu Recht! Beneidenswert…

Seit Jahren schon leide ich still. Seit ich denken kann, will ich dich unbedingt haben. Und das obwohl ich dich noch nicht einmal in den Händen gehalten oder auch nur einmal durch deinen Sucher geschaut habe. Ich malte mir das echt schon aus. Ich war sogar bereit gewesen, all meine restlichen geliebten analogen Schätze für dich und ein 35mm Objektiv aufzugeben. Meine Pentax 67, meine Contax G1 und alle anderen analogen Nikon Kameras, samt dem ganzen gläsernen Fuhrpark den ich besitze.

Aber ich fürchte dazu wird es nun nicht mehr kommen. Ich kann einfach nicht mehr. Ich wünsche dir nur das Beste und hoffe du trägst mir meinen stillen Abschied nicht nach. Ich wünsche mir, dass du glücklich bist, wo auch immer du gerade wohnst. Du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben.

In tiefer Verbundenheit,
dein Ivan


Ernsthaft Ivan?
Ja, ich glaube tatsächlich, dass die Leica M6 die “beste” analoge Messucherkamera ist, die je gebaut wurde. Wenn ich mal bei Leica bleiben darf. Ich hab mich ja schlau gemacht. Die Leica M2 gefiel mir aufgrund der fummeligen Aufwickelspule für den Film nicht. Ebenso die Leica M3. Zu dem fehlte mir da der interne Belichtungsmesser. Ja, ich wollte zwar manuell fotografieren, aber den Komfort eines integrierten Belichtungsmessers wollte ich dann doch nicht missen. Daher kam die Leica M4 auch nicht in Frage. Die Leica M5 war mir zu groß und vor allem mE einfach nur hässlich. Und die Leica M7 war mir schon wieder zu modern. Und wer braucht schon eine variable Zeitautomatik?! Und ehrlich gesagt traue ich der elektronischen  Verschlusszeitensteuerung der M7 nicht so recht. Und schlussendlich war mir die Leica MP, die im Prinzip auch nichts anderes als “nur” ein Abklatsch der seit 1954 gebauten Leica M3 ist,  einfach zu teuer. Ach und die Leica R Reihe hat mich auch irgendwie nie wirklich interessiert. Schön ist echt was anderes. Und all die anderen digitalen Leicas, die M, die S, die Q, die SL waren eh außerhalb meiner Reichweite. Außerdem wollte ich ja unbedingt analog bleiben. Daher sollte es dann doch die Leica M6 werden. Die M6 gefiel mir optisch auch am besten. Also ein echter Traum!

Ich weiß, das sind alles sehr subjektive Gründe. Aber ist es das denn nicht immer?! Das Leben besteht aus Emotionen und Gefühlen. Nichts ist objektiv!

Warum der Abschied?
Ganz einfach! Vor einiger Zeit bin ich in den Leica Flagship Store in Frankfurt gegangen, um endlich einmal eine Leica M6 in den Händen halten zu können und natürlich auch, um mal durch den Sucher zu schauen. Und da erlebte ich mein blaues Wunder. Leider!

Die Ernüchterung!
Mir war ja schon klar, dass eine Messsucherkamera anders als eine Spiegelreflex Kamera funktioniert. Ich hätte sogar die offensichtlichen Nachteile einer Messsucherkamera in Kauf genommen. Aber als ich dann sah, wie klein dieses Quadrat ist, in dem man dann tatsächlich das Bild scharf stellen kann, war ich wirklich enttäuscht. Ich meine, hej, das ist nicht nur klein. Es ist winziger als klein! Viel zu klein! K-l-e-i-n! Einfach nur klein! Jede Mattscheibe mit einem Schnittbildindikator in der billigsten Spiegelreflex Kamera bietet da wesentlich mehr Komfort. Aber schaut selbst. Das folgende Foto zeigt den Sucher der M6 und dieses kleine Quadratchen in der Mitte.

M6-Sucher

Aber das wäre doch nur eine Frage der Zeit gewesen, oder?
Nein! Ich glaube nicht! Ich meine, natürlich könnte ich aufgrund aller anderen Vorzüge des Leica Systems mir diesen kleinen Wermutstropfen einfach schön reden und mich damit arrangieren. Vermutlich machen das auch die meisten Leica Fotografen still und heimlich. Ja ich glaube tatsächlich, dass sich viele Leica Besitzer diese kleine Sache mit diesem winzigen Quadrat einfach nur schön reden. Sie nennen es halt nur: “…man muss sich beim Fokusieren halt nur etwas mehr konzentrieren“. Aber das ist natürlich auch irgendwie legitim und nachvollziehbar. Das Leben besteht nun mal aus Kompromissen und was ist schon perfekt?! Vor allem der Preis einer solchen Kombination ist alles andere als perfekt. Daher nehme ich das niemandem übel. Ich würde sehr wahrscheinlich das gleiche tun.

Und das Ende der Geschichte?
Bitte versteht mich nicht falsch. Eigentlich darf ich mir ja gar keine Meinung darüber bilden. Ich hab ja gerade mal nur zwei mal durch so einen Sucher geschaut. Das waren zusammen genommen vielleicht nicht mehr als 5 Minuten. Und würde ich es mir leisten können, würde ich mir natürlich erst mal eine Leica M6 und ein 35mm Summilux kaufen und das kleine Quadrat einige Monate ausgiebig testen und dann erst ein Resümee ziehen.  Aber erstens würde ich vermutlich nach dieser Zeit diese Kombination so lieb gewonnen haben, dass ich alles andere als objektiv berichten könnte. Und zweitens, wer weiß ob ich die anfangs erwähnten analogen Kameras in diesem Zustand wiederbekommen würde. Der analoge Markt für gebrauchte Kameras und Objektive ist sehr emotional und in den letzten Jahren steigen die Preise leider stetig an. Anscheinend ist die Anfrage groß genug. Daher könnte es mir passieren, dass ich evtl. entweder zu lange warten müsste oder mehr bezahlen würde, um meine verkauften “Werkzeuge” in der Form wieder zu finden.

Und das Ende der Geschichte?
Falls ich also keinen “Investor” für meine Traumkombination einer Leica M6 und einem 35mm Summilux finden sollte, ist das Thema Leica für mich erst mal erledigt. Ich bin nicht gewillt all mein analoges Hab und Gut zu verkaufen, nur um dieses Wagnis einzugehen, erst nach einigen Monaten Erfahrung etwas zu diesem kleinen Quadrat sagen zu können. Und ob ich wirklich dahin sparen möchte, weiß ich im moment noch gar nicht. Es gibt wichtigere Dinge in meinem Leben, die dieses Geld benötigen würden. Also bleibe ich einfach bei dem, was ich habe und trauere vermutlich weiter still und heimlich einer Leica M6 nach. Sowas nennt man Leben!

Aber das Gute an der Geschichte ist ja, dass man am besten mit der Kamera fotografieren kann, die man gerade bei sich hat. Es spielt also gar keine Rolle, welche das ist. 🙂

Welche Illusionen sind denn bei dir schon mal geplatzt? Hattest du auch schon mal dieses Leica Syndrom oder gehörst du evtl. zu den glücklichen und beneidenswerten Fotografen, die eine Leica M6 besitzen und mit diesem kleinen Quadrat zum Scharfstellen tatsächlich sehr gut zurecht kommen?

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5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Hallo Micha, herzlich willkommen auf meinem Blog und Danke für die Linkempfehlung. Und so sehr ich die Leica M6 für ihr Äußeres und ihre Robustheit und ihren Charme fast schon bewundere, nein ich werde sie mir nicht kaufen. Dieses kleine Zwergen Quadrat in der Mitte, mit dem ich (persönlich) nicht klarkommen würde, ist einfach viel zu klein, um das Bild scharf zu stellen. Da finde ich den Schnittbildindikator meiner Nikon F100 tausend Mal effektiver. Aber wie gesagt, alleine nur der Haptik und des Aussehens wegen würde ich die Kamera kaufen wollen. Für die Vitrine. Zum Anschauen. Falls ich mal das Geld dafür übrig haben sollte…. 🙂

  1. Hallo Ivan, auch wenn dein Beitrag etwas älter ist muss ich trotzdem was da lassen.
    Warum eigentlich immer Leica, ich habe mir vor einem Jahr den Traum erfüllt und mir eine Zeiss Ikon Zm gekauft und ich kann dir sagen der Sucher ist ein Traum! Mit dieser Kamera zu fotografieren ist ein Erlebnis, Messucher ist schon irgendwie was eigenes.
    Ach und die M6 gibt es auch mit unterschiedlichen Suchergrößen.
    Grüße Maik!

    • Hallo Maik, danke für deinen Kommentar. Die Zeiss hatte ich damals auch im Visir, aber dadurch dass diese so selten verfügbar war auf dem Gebrauchtmarkt, kam ich davon ab. Ich hab auch schon einiges darüber gelesen, dass der Sucher, bzw. der viereckige Bereich, in dem man scharfstellt wesentlich angenehmer sein soll.
      Ach und was die verschiedenen Suchergrößen der M6 angeht, mir ging es ja nicht um die Vergrößerung des Sucherbildes, sondern um dieses winzige Viereck, in dem man das Doppelbild sieht. Das bleibt nämlich leider unverändert klein. Mir jedenfalls ist das zu klein. Aber danke sehr für den Hinweis.

      Hast du irgendwo einen Blog, wo du vielleicht etwas über deine Zeiss geschrieben hast? Würde mich interessieren.

      Viele Grüße, Ivan

  2. Hallo,
    Nein leider habe ich, aus Zeitgründen und aus mangelndem Schreibtaltalent, keinen Blog. Ich bin nur bei Instagram und Flickr um ein paar Bilder zu zeigen.
    Auf deine Zeilen hin habe ich den Mischbildindikator mal mit dem Schnittbild meiner Pentax Lx verglichen, er ist zwar kleiner, lässt sich trotzdem gut Scharfstellen, den Sucher der M6 kenn ich zum Vergleich leider nicht.
    In einer Sache muss ich dir allerdings recht geben, meine anderen analogen Schätze würde ich dafür nicht hergeben!
    Grüße Maik!

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