Das Reziprozitätsgesetz von Bunsen und Roscoe oder auch: I shoot film!

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich mit dem Thema Langzeitbelichtung, speziell dabei mit analogen Filmen. (Einfach weil ich die analoge Fotografie liebe!) Bevor ich losgelegt habe, durchstöberte ich natürlich das Internet nach allen möglichen Infos dazu. Dass ich ein Stativ und einen ND Filter dazu bräuchte, war mir schon klar. Mit ging es mehr um die analogen Filme und die notwendigen Belichtungszeiten. Denn irgendwo in meinem Hinterstübchen hatte ich noch in Erinnerung, dass es bei analogen Filmen “anders” ist, wenn diese länger belichtet werden. Und da man bekanntlich kein Display an so einer Kamera hat und sowohl der Kauf, als auch die Entwicklung der Filme mit finanziellen Kosten verbunden sind, musste ich also vorher bereits ALLES darüber wissen und natürlich ALLES beim ersten Mal richtig machen, um so effektiv wie möglich zu sein. Scheiss auf Effizienz, hauptsache die Ergebnisse stimmten!

Ich beschäftigte mich also tatsächlich gefühlt ewig mit dem Thema Schwarzschildeffekt und in diesem Zusammenhang mit dem Bunsen-Roscoe-Gesetz, das man auch unter dem Reziprozitätsgesetz kennt. Ich träumte Nachts sogar von der darin beschriebenen Antiproportionalität! 🙄

Laut dem Wikipedia Artikel zum Thema “Schwarzschild-Effekt” ist es eigentlich ganz einfach. Dort heisst es im ersten Absatz: “Der Schwarzschild-Effekt ist eine Erscheinung, die bei der Belichtung in der (chemischen) Fotografie auftritt.Das Reziprozitätsgesetz von Bunsen und Roscoe (1862) besagt, dass rechnerisch gleich große Produkte aus Belichtungszeit und Intensität dieselbe Schwärzung ergeben. Wird beispielsweise die Blende um einen Wert geschlossen, dafür aber die Belichtungszeit verdoppelt, müsste sich dieselbe Schwärzung des Filmmaterials ergeben.

Beim Reziprozitätsgesetz wird es schon leicht komplexer. Dort heisst es im Wikipedia Artikel im ersten Absatz: “Das Bunsen-Roscoe-Gesetz ist die manchmal als Reziprozitätsgesetz bezeichnete Antiproportionalität zwischen Lichtintensität I und die Einwirkzeit t für einen gleichbleibenden photochemischen Effekt.

Das ist natürlich nicht alles. Um es kurz zu machen,  der gute Herr Schwarzschild entdeckte 1899, dass die Empfindlichkeit eines analogen Filmes exponentiell abnahm, wenn dieser über eine Sekunde belichtet wurde. Das ist natürlich stark abhängig vom verwendeten Filmmaterial. Und auch bei sehr kurzen Belichtungszeiten, etwa unter 1/1000 Sekunde tritt wohl ein ähnlicher Effekt auf. Den nennt man dann Kurzzeiteffekt. Die Schlussfolgerung daraus bedeutet ganz einfach, dass man Filme noch länger belichten muss, wenn man diese länger als 1 Sekunde belichtet. Wie groß dieser Faktor nun ist und ab welcher Belichtungszeit dies dann der Fall ist, ist individuell vom verwendeten Film abhängig. Es gibt Erfahrungswerte, die das drei- bis vierfache der Belichtungszeit vorschlagen.

Soweit so gut. Wenn man nun bei Langzeitbelichtungen so wie ich einen sog. ND Filter, einen Neutraldichtefilter verwendet, der nichts anderes macht, als Licht zu schlucken, damit man auch tagsüber länger belichten kann, muss man natürlich auch diesen Faktor mitberücksichtigen. D.h. die Reduzierung des Lichteinfalls aufgrund des ND Filters muss ich hier wiederum auch durch eine längere Belichtungszeit kompensieren. Im Internet gbt es zahlreiche Tabellen zur Berechnung der Belichtungskorrekturen, wie z.B. DIESE hier oder HIER oder z.B. auch Ronny Ritschel’s ND-Filterkarte mit supercoolen Band (begrenzte Stückzahl).

Ui, das ist ein Haufen theoretischer Informationen, die es nun umzusetzen gilt. Und zwar so genau wie möglich, so exakt wie möglich, so penibel wie möglich… So dachte ich jedenfalls. Gesagt getan hab ich einige Rollen Film zum Austesten “verschwendet” und bei der lokalen DM Drogerie zur Entwicklung und Digitalisierung gebracht. Und wisst ihr was mir das Ganze gebracht hat?! Nicht viel, denn letztendlich ist es schnurzpiepe egal wie lange ich belichte. Hauptsache ich belichte tendenziell zu lang, als zu kurz. Denn unterbelichtet sieht grundsätzlich Mist aus, überbelichtet eher besser. Und dabei kommt es nicht wirklich auf die Sekunden an. ob ich nun 30 Sekunden oder 90 Sekunden belichte, spielt fast keine Rolle, aber dazu gleich mehr. Das liegt wohl daran, dass Filmmaterial wesentlich barmherziger mit Licht umgeht, als ein digitaler Sensor, was natürlich stark vom verwendeten Film abhängig ist.

Ihr glaubt mir nicht?! Dann schaut euch mal die nächsten zwei Fotoserien an. Das jeweils erste Foto wurde mit 30 Sekunden belichtet, das zweite mit 60 und das dritte mit 90 Sekunden. Jetzt mal Hand auf’s Herz! Große Unterschiede kann man nicht wirklich erkennen, oder?

Und mein persönliches Fazit aus dieser Geschichte ist auch ganz einfach. Hätte ich die Zeit, die ich mit dem Lesen und Suchen im Web zu diesem Thema verbracht habe lieber mit dem Fotografieren verbracht und mich mit Ausprobieren und meiner Intuition an die Sache rangetraut, hätte ich zwar nicht dieses Wissen darum gehabt, aber vermutlich mehr Spass an der Sache gehabt und doppelt oder dreifach mehr schöne Fotos hier zeigen können :mrgreen:

Und darum geht’s ja in der Fotografie, rausgehen, um zu fotografieren! Ich wünsch euch jedenfalls ganz viel sinnvolle Zeit da draußen mit eurer Kamera!

30-Sekunden (1 von 1)
60-Sekunden (1 von 1)

90-Sekunden (1 von 1)

30-Sekunden (4 von 1)

60-Sekunden (4 von 1)

90-Sekunden (4 von 1)

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3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schöner Erfahrungsbericht UND auch coole Fotos.

    Man erkennt übrigens einen Unterschied – im Wasser 😀

    Von der Belichtung her würde ich es eher bei Drittel-Stops verorten, allerdings wird DM die Belichtungen auch automatisch korrigieren, vermute ich mal.

    • Gut beobachtet! Und ja, DM gleicht leider aus, dafür idst die Entwicklung und Digitalisierung günstiger, als in den bekannten Filmlabs. Übrigens herzlich willkommen hier auf meinem Blog 🙂 Euer Domain Name ist ziemlich cool! Die Idee gefällt mir.

  2. Pingback: Kodak Ektar 100 analog langzeitbelichtet – kurz erklärt | BlogNotiz.de

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